Screenshot der Webseite Deutsche Rohstoffagentur

Interview mit Michael Liesegang von der Deutschen Rohstoffagentur: "Recycling ist für Deutschland ein wichtiges Standbein"

Das Gespräch mit Dr.-Ing. Michael Liesegang durfte ich Mitte Mai 2026 führen. Er ist Mitarbeiter des Arbeitsbereichs Recyclingrohstoffe und Rohstoffanalyst bei der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), einer technisch-wissenschaftlichen Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Zu den Aufgaben der DERA gehören unter anderem die strategische Bewertung von (mineralischen) Rohstoffmärkten, ein sogenanntes Rohstoffmonitoring und die Erstellung von Fachpublikationen wie beispielsweise die Studie „Rohstoffe für Zukunftstechnologien“.

Diesen Sommer erscheint die neue Ausgabe, die aktuell und zukünftig relevante Technologien auf ihre Rohstoffbedarfe untersucht und Nachfragetrends für die kommenden 20 Jahre abschätzt (DERA – Homepage – Zukunftstechnologien). Zudem existiert eine 2025 aktualisierte Rohstoffliste (DERA – Homepage – Rohstoffliste) zu den Risiken bei der Rohstoffbeschaffung. Die Website der „Deutsche Rohstoffagentur“ ist eine fundierte, informative und zudem kostenfreie Quelle über die aktuelle Lage der internationalen Rohstoffmärkte.

Dr. Liesegangs Expertenwissen und Einschätzungen haben meinen Beitrag über nachhaltige IT grundlegend geprägt und dafür gilt ihm mein verbindlichster Dank. 

Interview

Frage: Die Digitalisierung Deutschlands, der Aufbau von Rechenzentren, die Erneuerbaren Energien, die Elektrifizierung der Mobilität – all das ist auf die Lieferung von Rohstoffen aus Ländern außerhalb der EU, vornehmlich aus China, angewiesen. Ist das Recycling von Schrotten eine Lösung, um diese Abhängigkeiten zu verringern?

Liesegang: Zum Teil ist das der Fall, zum anderen Teil aber auch nicht. Bei den Basismetallen sind wir gut aufgestellt. Kupfer ist beispielsweise hinsichtlich Sammlung und Rückgewinnung durch Recycling kein Problem, hier ist der Anteil des Recyclings an der Rohstoffversorgung ordentlich und liegt zurzeit bei mehr als 40 Prozent. Auch bei Eisen, Blei, Aluminium und Nickel tragen wir in Deutschland zu der Zielvorgabe der Europäischen Union bei, die im Critical Raw Materials Act insgesamt über alle Kritischen Rohstoffe 25 Prozent Rückgewinnung aus Recycling fordert. D. h. Recycling ist für Deutschland ein wichtiges Standbein, um uns von der Rohstoffabhängigkeit u. a. von China so weit wie möglich zu befreien.

Anders ist das jedoch bei Technologiemetallen wie z. B. Gallium und Germanium, die in der IT und der Elektro- und Elektronikindustrie gebraucht werden. Das Problem ist, dass ihre Gewinnung aus Recycling sehr schwierig ist, da sie in den zu recycelnden Schrotten oft nur sehr fein verteilt in geringen Mengen und komplex verbaut vorkommen. Es ist bisher sehr schwer bis gar nicht wirtschaftlich möglich, sie zurückzugewinnen. Auch für Batterierohstoffe wie z. B. Lithium, das für die Elektromobilität gebraucht wird, existieren bisher kaum wirtschaftliche Aufbereitungsverfahren. Es gibt aber starke europäische Entwicklungsansätze, um diese Herausforderungen zu meistern.

Frage: Sehen Sie denn eine Chance, dass entsprechende technische Verfahren entwickelt werden könnten?

Liesegang: In Pforzheim läuft ein EU-gefördertes Projekt, das sich mit der industriellen Gewinnung von Seltenen Erden aus Magnetschrotten und der Produktion von Magneten aus Recycling beschäftigt. Auch in Bitterfeld steht eine entsprechende Anlage. Die Verfahren funktionieren zwar, doch die gewonnenen Recyclingprodukte sind wesentlich teurer als importierte Primärprodukte z. B. aus Asien. Diese höheren Kosten wird die verarbeitende Industrie kaum akzeptieren und somit könnte der Absatz der Recyclingprodukte am Preis scheitern.

Dafür erhöht dieses Magnetrecycling allerdings die Versorgungssicherheit und Resilienz der deutschen Industrie, denn China hatte bereits den Export von Seltenen Erden und Magnetmaterial stark eingeschränkt. Das würde die höheren Kosten für Recyclingprodukte relativieren.

Die Verfahren zum Magnetrecycling stehen noch vor einer anderen Hürde: Es fehlt die notwendige Masse an Schrotten. Das liegt zum Teil daran, dass nach Meinung verschiedener Marktexperten die Schrotte zum Beispiel nach Asien exportiert werden. China dominiert den Weltmarkt als Lieferant von Seltenen Erden, verfügt über die notwendige Technik für deren Gewinnung und Aufbereitung. Indem auch Schrotte mit Seltenen Erden (meist Magnete) importiert, verarbeitet und wieder exportiert werden, verfestigt China sein Monopol. Der Export von diesen Schrotten nach Asien ist für deutsche Unternehmen attraktiv, denn das Land bezahlt gute Preise.

Frage: Lässt sich der Export von Schrotten in andere Länder verhindern?

Liesegang: Zurzeit ist das nicht der Fall. Doch die EU hat das Problem erkannt. Sie wird möglicherweise diesen Export für bestimme Recyclingrohstoffe regulieren, damit die Recyclingindustrie über die Masse verfügt, die sie für eine effiziente Rückgewinnung von Technologiemetallen benötigt.

Frage: Warum werden ausgediente Magnete nach China exportiert, wo wir sie im Land doch brauchen?

Liesegang: Das hat damit zu tun, dass die Gewinnung und Aufbereitung von Seltenen Erden technisch schwierig ist und die Belastung der Umwelt groß ist. Als Nebenprodukt der Magnetfertigung entstehen umweltbelastende Stoffe, die auch irgendwie entsorgt werden müssen. Das ist eine weitere Herausforderung für die europäische Industrie.

Frage: Wie sieht es mit Alternativen aus, die kritische Rohstoffe ersetzen können?

Liesegang: Die Automobilindustrie ersetzt zum Beispiel Magnete dadurch, dass Magnetfelder nicht durch seltenerdhaltige Dauermagneten, sondern durch elektrischen Strom erzeugt werden. So können Autobauer zwar auf Magnete in den Antriebsmotoren verzichten oder ggfs. andere Magnettypen verwenden, doch diese Alternativen ist im Aufbau teurer als die Verwendung von Magneten. Es ist also zum Teil möglich, auf Technologiemetalle wie Seltene Erden zu verzichten, doch die Optionen sind begrenzt und teurer.

Frage: Bei welchen Technologiemetallen sehen Sie in Zukunft die größten Wachstumsraten?

Liesegang: Bei Lithium werden wir voraussichtlich ein exponentielles Wachstum des Bedarfs und eine zunehmende weltweite Kritikalität sehen. Es wird im Wesentlichen durch folgende Entwicklungen verursacht: durch die zunehmende Elektromobilität, die Lithium-Ionen-Akkus braucht; zum zweiten durch die Energiewende, die Energiespeicher für Wind- und Sonnenenergie benötigt. Weitere stark wachsende Rohstoffbedarfe gibt es auch bei den Seltenen Erden (Magnete für Antriebsmotoren), Germanium, Kobalt und die Platingruppenmetalle.

Titelbild: Screenshot Webseite der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) am 01.06.2026

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