W Social

W Social kommt: Brauchen wir ein europäisches Twitter? Oder sind die Zeiten des Microblogging endgültig vorbei?

Vor vielen Jahren war ich auf Twitter viele Jahre recht aktiv. Schon recht früh hatte ich ein paar Tausend Follower und ich twitterte jeden Tag über alles Mögliche, privat und beruflich. Ich machte da keinen Unterschied. Und viele meiner Freunde und Kolleg*innen waren ebenfalls dort zu finden. Dann kam Elon Musk und eine*r nach dem anderen verlies das sinkende Schiff. Ich habe meine Accounts nie gelöscht, aber ich bin schon lange nicht mehr auf „X“, wie sich Twitter seit einiger Zeit nennt aktiv. Mein Account trocknete aus, meine Follower starben oder meldeten sich ab. Aber ich habe ihn noch, weil ich manchmal nachsehen muss, was dort wieder für rechtsradikales Gedöns passiert. Oder weil ich mich gruseln will und es draußen gerade nicht regnet. Man muss ja schon im Original nachlesen können, wenn Elon Musk auf seinem Kanal erklärt „I want to eliminate the European Union“.

Zwischen Bluesky und Mastodon

Ich bin ein klein wenig auf den alternativen Kanälen unterwegs, sowohl auf Bluesky als auch auf Mastodon, aber beide sind kein Ersatz für das gute alte verblichene Twitter. Auf Mastodon pflege ich ein paar Fotografie-Kontakte, auf Bluesky ein paar Kontakte zum Thema Literatur, auf beiden Kanälen verfolge ich alte Social-Media-Influencer-Freundschaften aus alten Twitter-Tagen. Viele früher sehr aktive Twitteratis haben ihr Engagement auf Bluesky und Mastodon aber enorm zurückgefahren oder gar ganz eingestellt. Die Zeiten, dass sich im Microblogging eine kritische Gegenöffentlichkeit entwickelte, scheinen endgültig vorbei.

Microblogging war Markt- und Trendforschung

Microblogging, das war für mich vor acht oder zehn Jahren ja nicht nur ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel, sondern auch ein Mittel, aktuelle Trends zu erfahren. Ich erinnere mich gut an die DMS EXPO im Oktober 2010 in Stuttgart. Dort habe ich mit meiner Agentur vibrio die Blogger Lounge organisiert. Auf der Lounge schlug das Herz der Twitteratis und rund um die Messe verfolgte ich sehr aktiv, was die Leute mit Einblick in die aktuellen Debatten des Mittelstands in Baden-Württemberg und im Hinblick auf die bevorstehenden Landtagswahlen im folgenden Frühjahr diskutierten. Für mich völlig überraschend, hielten damals auch konservative politische Kreise im deutschen Südwesten einen Wahlerfolg des grünen Kandidaten Winfried Kretschmann für möglich. Ein Grüner als Landesvater! Für mich, der aus der ewigen CSU-Hochburg kam, war das kaum vorstellbar.

In den überregionalen Tageszeitungen wurde das auch gar nicht diskutiert. Im Universum der Microblogger aber war das Ende 2010, Anfang 2011 eine realistische Option. Wer sich im Twitterland umhörte, war der Zeit einfach voraus. Twitter, das war immer auch das größte Meinungsforschungs- und Trendforschungsinstitut. In Twitter spiegelte sich der Zeitgeist, noch ehe er ganz bei sich war.

Microblogging am Fuße des Zauberbergs

Auch das ist ein Grund, warum ich Twitter schmerzlich vermisse. In Davos haben sich vor ein paar Wochen ein paar Leute zusammengetan, die ein neues, ein europäisches Twitter etablieren wollen. Ich war erst ein wenig skeptisch, als ich davon hörte. Was kommt schon Gutes aus Davos? Abgesehen von Clawdia Chauchat natürlich… Und wie viele europäische Initiativen waren in den letzten Jahren schon erfolgreich? Und was bitteschön soll eine neue Initiative besser machen als Bluesky und Mastodon?

Dann erfuhr ich, dass zu den Initiatorinnen von W Social- so nennt sich das neue Twitter – Anna Zeiter gehört. Und die Frau könnte es im Kreuz haben. Dr. Anna Zeiter war zuletzt VP bei eBay und vor vielen Jahren lehrend unter anderem an den Universitäten in Göttingen, Zürich und Bern aktiv. Vor wenigen Wochen hat sie die Position der CEO bei W Social übernommen. Und seitdem gibt sie mächtig Gas beim Aufbau der neuen Plattform.

W ist das neue X

Zur Zeit wird ein Advisory Board etabliert. Erste Mitglieder sind unter anderem der deutsche Ex-Minister Philipp Rösler und die ehemalige Präsidentin des Club of Rome Sandrine Dixson-Declève. Auch gibt es eine Warteliste mit ersten Microblogger*innen. Ich steh schon mal drauf. Wenn alles klappt, starten wir im März oder April. Ich scharre schon mit den Hufen…

Das ganze Projekt ist Teil der aktuellen Bewegung zur Digitalen Souveränität. Die Server werden also in Europa stehen. Der europäische Partner ist das finnische Unternehmen UpCloud, ein Cloud-Anbieter mit 15 Rechenzentren in 12 Ländern. Ein Rechenzentrum befindet sich übrigens auch in Deutschland, in Frankfurt am Main.

W Social und das Microblogging-Ökosystem

Nun wird W Social sicherlich kein Erfolg, wenn ich mich dort nur mit meinen paar Freunden treffe und das ganze neben Bluesky und Mastodon mein dritter Twitter-Ersatz wird. W Social kann überhaupt nur dann erfolgreich werden, wenn es sich in das bereits vorhandene Microblogging-Ökosystem einbindet. Und Integration haben europäische Initiativen bislang nur selten angestrebt. Die Macher von W Social arbeiten aber an Cross-Posting-Möglichkeiten.

Ich habe mit Tools wie Hootsuite in der Vergangenheit zeitweise bis zu 30 verschiedene Social-Media-Kanäle – eigene und die meiner Kunden – betreut. Das funktioniert nur, wenn die Anbieter dieser Plattformen ihre APIs öffentlich zugänglich machen. XING war da immer ein Negativ-Beispiel. W Social will sich aber offener zeigen. Die Macher der neuen Plafform würden sich wünschen, dass sie manche Informationen „ein wenig früher“ erhalten würden als andere Plattformen und wenn sich W Social als „erste Plattform für europäische Nutzer*innen“ etablieren würde, nicht als die einzige. Das ist ein guter und vernünftiger Ansatz. Meine Inhalte können also auf W Social UND auf Bluesky erscheinen und ich kann über Plattformgrenzen hinweg meine Kontakte erreichen.

W Social nutzt wie Bluesky technisch das AT-Protokoll. Zumindest hier sollte also die Interaktion problemlos funktionieren. Eine Integration mit Aktivity-Pub-Systemen wie Mastodon erfordert Bridge-Technologien wie Bridgy Fed oder die Duplikation von Content (zum Beispiel über Openvibe) und ist nicht ganz unproblematisch. Aber immerhin gibt es Lösungen und W Social sperrt sich nicht dagegen. Das ist wichtig. Cross-Posting ist nicht nur eine Option, sondern wird sogar offensiv angestrebt. Das ergibt auch Sinn, wenn man nicht als Erster in den Markt geht.

Was macht W Social anders?

Verifizierung tötet Bots und Fake Accounts. Gut so.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu anderen Sozialen Plattformen wird sein, dass es auf W Social nur verifizierte Accounts geben wird. Die Verifizierung ist nicht zu verwechseln mit der Forderung nach der Einführung von Klarnamen, wie das gerade von der Regierung diskutiert wird. Die Verifizierung von Accounts bedeutet erst einmal nur, dass alle Nutzer*innen sicher sein können, dass sie in W Social mit echten Menschen und nicht mit irgendwelchen Bots kommunizieren.

Das bedeutet auch, dass es auf W Social keine Fake Profile geben wird. Heute sind Fake-Profile ein massives Problem. Insbesondere im Umfeld der AfD wird stark mit Fake Accounts gearbeitet. Eine Avaaz-Untersuchung sprach im Jahr 2019 von ca. 200.000 Fake-Unterstützern auf Facebook, während Cyabra 2025 mehr als 1.000 Fake-Profile konkret identifizierte, die die AfD pushten und die Accounts von Grünen und der SPD angriffen. Wenn ein Kreisverband der AfD in Rheinland-Pfalz vor allem von Facebook-Mitgliedern aus China unterstützt wird, dann deutet so einiges auf Fake-Accounts hin… Wenn sich dann noch die Inhalte mehrerer Accounts wiederholen, handelt es sich um automatisierte Bots.

Bei W Social bleiben die User-Daten auf dem Client-Rechner. Die Verifikation erfolgt, ohne dass persönliche Daten ins Netzwerk gelangen. W Social wird vermutlich anonyme Accounts zulassen, aber es wird immer eine Verifikation erfolgen, dass es sich um einen Menschen handelt, der da kommuniziert. Technisch ist das lösbar – und gut ist’s.

Besser Moderation als Daten-Moder. Gut so.

W Social setzt auf Moderation. Das ist im Prinzip gut so, denn das macht aus der Plattform eine Community. Und es erhöht die Seriosität. Die Community wird entscheiden, was es auf W Social nicht geben wird: sicher keine Pornographie, hoffentlich keine Gewaltverherrlichung und keinen Antisemitismus, vermutlich aber eine breite Meinungsvielfalt, so breit, dass es weh tut. Sonst ergibt das ja alles keinen Sinn. Für meine Meinungsblase brauch ich kein soziales Netzwerk. Da kenn ich zwei Kneipen. Da gibt es obendrauf noch gutes Bier.

Wer bezahlt eigentlich das Ganze?

Hinter W Social stecken private Investoren. User-Daten sollen nicht vermarktet werden. Die Plattform muss sich also über Werbung und über Micropayment von Content finanzieren. Das Ganze muss auch noch konform zu allen relevanten europäischen Gesetzen und Regelungen funktionieren, von der DSGVO bis hin zur kleinsten nationalen Datenschutzverordnung.

Das Konzept ist gut. Es muss sich jetzt nur noch rechnen. Aber ich bin ja Optimist. Wie vor zwanzig Jahren: Guter Inhalt und gute Leute setzen sich durch. Oder?

Illustrationen © Michael Kausch mit KI Adobe Firefly

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